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Dienstag, 22. April 2025

Die Pilgeroase von Crostwitz


Ich folge meinen Träumen, sonst ist mein Leben wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln.


Ich verabschiede mich früh von Astrid und Allan, meinen beiden Mitpilgern, mit denen ich mir das Petri-Zimmer geteilt habe. Sie stehen gerade erst auf, als ich aufbreche. Wir saßen gestern Abend noch lange zusammen, eine Flasche Wein lang, und erzählten uns Geschichten von Reisen: Erlebnisse und persönliche Legenden, wie das Wanderer eben tun. Jede Begegnung, die unsere Seele berührt, hinterlässt eine Spur, die nie ganz verweht. Wie recht, denke ich, als ich die Treppe nach unten nehme, hat Lore-Lillian Boden, als mir der gestrige Abend wieder in den Sinn kommt. Es sind immer nur Fragmente, aus einem persönlichen Mosaik genommene, glänzende Steinchen, die sich zwischen anderen, inneren Sedimenten abgelagert haben. Trotzdem werde ich die beiden nicht vergessen. Dafür ist die emotionale und geistige Gespanntheit einer Fußreise zu intensiv.

Samstag, 19. April 2025

Eine sorbische Metropole


Time is Monkey!
Graffiti Bautzen


Ich breche zeitig auf. Es ist noch nicht neun Uhr, als ich mich von den freundlichen Bauersleuten verabschiede. Die Bäuerin erklärt mir eine Abkürzung zurück auf die Via Regia, nicht ohne mir ans Herz zu legen, in der Tortenzauberei im Ort vorbeizuschauen, und mir Pilgerkekse zu kaufen. Die besondere Bäckerei finde ich im Blauen Hof am Ortsrand von Nechern. Die gelernte Konditorin Frau Tschipke fertigt in Ihrem Meisterbetrieb individuell nach Kundenwunsch Kuchen und Torten wie aus Großmutters Zeiten an. Sie hat auch an Stärkendes für die Pilger gedacht. Ich zögere zuerst einzutreten, da ich glaube, mich geirrt zu haben, sehe dann aber eine Tür, die nach einem Laden aussieht. Unmittelbar stehe ich mitten in der Backstube, wo zwei Frauen in weißen Schürzen arbeiten. Ich will schon wieder heraus, als mich eine der Frauen zurückruft, und mich freundlich hereinbittet. Ich bin richtig, meint sie, Laden und Backstube sind ein Raum. Dann erst sehe ich die Verkaufstheke, die hinter den Gerätschaften der Backstube fast verschwindet; beladen mit Cellophantüten, aus denen verschiedene Kekssorten locken. Eine der beiden Frauen präsentiert mir stolz ihr Sortiment von Pilgerkeksen. Die Auswahl fällt mir schwer, aber schließlich ziehe ich mit einer Tüte mit Ingwerkeksen meines Wegs.
Ein schöner Feldweg, den auf einer Seite eine große Hecke begrenzt, führt aus Nechern ins Freie. Am sogenannten Schwedenstein treffe ich auf die Via Regia. Dieser Findling, nur im Volksmund so genannt, erinnert an eine Episode des Nordischen Krieges, der zwischen 1700 und 1721 hier stattgefunden hat. Als ein Monument der Erinnerungskultur hat ihn der Wurschener Grundbesitzer, Freiherr von Thielau 1810 aufgestellt.

Mittwoch, 16. April 2025

Durch die Gröditzer Skala


Ein Land ist nicht nur seine Landschaft, es ist auch seine Geschichte. Wenn die alten Namen verschwinden, verschwinden die Geschichten mit ihnen. Die neuen Namen rufen keine Erinnerung an die Vergangenheit mehr wach.


Ich schaue aus dem Fenster und verliere die Lust aufzustehen. Anscheinend hat es die ganze Nacht geregnet. An den Scheiben verbinden sich die Tropfen zu Rinnsalen, die langsam abwärts fließen. Leben heißt, auf etwas zuzuwandern. Doch warum gleich im Regen? Ortega y Gasset hat diesen Satz sicher am Schreibtisch und im Trockenen geschrieben, beruhige ich mich, bleibe liegen und verschlafe schließlich.